Amerika von Nord nach Süd : Gedichte eines amerikanischen Nomaden, bei Hugo Noël Santander Ferreira - Vorwort von Leyla Margarita Tobías Buelvas
- Consultorías Stanley
- 3. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

In America von Nord nach Süd entfaltet Hugo Noël Santander Ferreira eine Poetik der Entwurzelung und des Widerstands, eine Landkarte der Narben, in der sich das Heilige und das Irdische, Exil und Zugehörigkeit, Gericht und Erlösung miteinander verweben. Dieses Buch schlägt weit mehr vor als eine geografische Reise über den Kontinent: Es zeichnet eine spirituelle, ethische und politische Wanderung, geschrieben mit der Tinte der Erinnerung und dem Blut der Erfahrung. Der Dichter bewohnt die Poesie, durchquert sie mit dem Körper und verwandelt sie in Zeugnis, in säkulares Gebet, in aktives Bewusstsein.
Dieser Band vereint drei Gedichtzyklen — Der verheißene Tag, Die Ewigkeit ist dein Bewusstsein und America von Nord nach Süd — die als ein einziger lebendiger Organismus funktionieren. Jeder von ihnen entspricht einer eigenen Existenzebene: dem letzten Horizont des Sinns, der verkörperten Innerlichkeit und der geteilten Geschichte. Gemeinsam bilden sie eine Architektur, in der das Wort das Leben von seiner moralischen Wurzel her befragt.
Schon mit den ersten Versen tritt die Leserin, der Leser, in eine Liturgie von Abwesenheit und Verheißung ein:
Lasst uns für unseren verheißenen Tag meditieren
einen Tag ohne etwas, ohne ihn oder sie, ohne dich, ohne mich.
Die Verheißung erscheint als schmerzhafte Paradoxie: Der ersehnte Tag fällt mit der Entleerung der Identitäten zusammen, mit der Auflösung affektiver Sicherheiten. In diesem entblößten Raum entsteht die Materie des Gesangs. Der verheißene Tag nimmt einen chorischen und prophetischen Ton an, betrachtet die Welt aus einer ethischen Höhe und trägt den eigenen wie den kollektiven Schmerz als Teil derselben Geste. In Simon der Wüstenbewohner erhebt sich die poetische Stimme wie ein Asket auf dem Turm seiner Einsamkeit:
Hoch über deinem kargen syrischen Turm,
botest du im Fleisch das Leiden dar,
und blicktest auf das Werden der Jahrhunderte.
Die Poesie wird zur Säule, von der aus das Leiden der Welt betrachtet und Verantwortung für es übernommen wird. Der Dichter verkörpert den Propheten und den Märtyrer seiner Zeit, den Zeugen, der schaut, ohne den Blick abzuwenden.
Die Ewigkeit ist dein Bewusstsein lenkt den Blick auf den Körper, die intime Erinnerung und die alltägliche Gabe. Die Ewigkeit erscheint als gegenwärtige Erfahrung, verankert im Bewusstsein, das dankt, erinnert und geht. Wiedergefundene Balance, gemeinsames Lesen, die kleinste Geste offenbaren das verkörperte Heilige. Die zentrale Frage durchzieht das Buch als ethische Offenbarung:
Was würde ihnen fehlen, um ewig zu sein?
Jenen zu lesen, der von den Toten zurückgekehrt ist?
Hier wird die Poesie zu einer geistigen Übung, in der sich das individuelle Bewusstsein zu einer universellen Dimension ausdehnt. Unsterblichkeit zeigt sich als affektive Gemeinschaft und geteilte Verantwortung. Achtsam und treu zu leben wird zu einer Form der Transzendenz.
Mit America von Nord nach Süd nimmt das Buch seine historische Dimension an. Die Reise durch Städte, Sprachen und Grenzen offenbart, dass Entwurzelung Erkenntnis hervorbringt. Die Sprache selbst erscheint als umkämpftes Territorium:
Die Sprache öffnete einen Riss zwischen uns beiden,
ein gegenseitiges Vakuum, das nur Küsse heilen.
Der Bruch zwischen Sprachen und Kulturen manifestiert sich als emotionale Wunde. Zugleich wirkt das Wort als Brücke, Zuflucht und Waffe. In diesem Abgrund stiftet der Dichter eine andere Zugehörigkeit: eine Gemeinschaft, getragen von Erinnerung und Zuneigung.
Zu den kraftvollsten Gesten des Buches gehört seine lebendige Intertextualität. Hamlet, Don Quijote, Walter Benjamin, Candelario Obeso und San Jaime Santander erscheinen als verwandte Präsenzen innerhalb einer persönlichen Mythologie. Wenn der Dichter erklärt:
So war ich Hamlet, und so werde ich sterben:
Apostel des Theaters, das das Leben ist,
schreibt er sich in eine Genealogie verwundeter Wesen ein, heroisch in ihrer Fragilität. Mit der Wiederaufnahme der Stimme Obesos,
Warum siehst du meine Haut
von der Farbe der Tinte?
Glaubst du, sie sei auch
meiner Seele eigen…?
wird die Poesie zu Widerstand durch Sprache und prangert eine Grammatik des Rassismus an, die in den sozialen Vorurteilen Kolumbiens und ganz Amerikas fortbesteht.
Die spirituelle Dimension des Buches äußert sich in verkörperter Weise. In Erstes chorisches Lied an einen verheißenen Tag wird das Jüngste Gericht als säkulare Erlösung erfahren:
Lasst uns einen Gesang an den verheißenen Tag anstimmen,
Tag des Gerichts und ersehnter Erlösung.
In der Gestalt San Jaime Santanders, der Land unter Fischern verteilte, verwandelt sich das Biblische in eine politische Handlung. Das Heilige zeigt sich in gelebter Gerechtigkeit, in der Treue zu den Demütigen, in der alltäglichen Ethik.
Im symbolischen Zentrum des Werkes entfaltet sich ein fundamentales Triptychon: Mutter, Frau und Amerika als Land. Die Mutter verkörpert Ursprung, formende Stimme, eine Liebe, die schützt und fordert. Die Frau steht für Begehren, Verlust, Liebe als Prüfung und Offenbarung. Amerika erscheint als historischer Körper: verheißenes, verwundetes und fruchtbares Land, Raum der Aufnahme und der Vertreibung. Diese drei Figuren tragen die ethische Spannung des Buches und ordnen sein tiefes Imaginäres. Die Frau zu lieben, die Mutter zu ehren und die Erde zu bewohnen werden zu Ausdrucksformen ein und derselben Verantwortung.
Die Liebe durchzieht das gesamte Werk als schöpferische und zerstörerische Kraft. Erotik und Trauer verschränken sich intensiv:
Wie unwiderstehlich die Berührung ihres Kleides,
meine Hände auf ihren Dschungeln und Landschaften,
und ebenso:
Wenn an Nachmittagen die Stille umarmt,
kehrt deine Stimme und dein Gesicht mit der Brise zurück.
Die Liebe verkörpert sich in konkreten Kontexten: Migration, kulturelle Unterschiede, prekäre Arbeit. Der Dichter benennt, was verletzt, und was trägt.
Die Erinnerung nimmt einen zentralen Platz ein. In Sklaven einer unerschöpflichen Erinnerung erhellt Shakespeares Wort die poetische Geste:
Der Vorsatz ist ein Sklave der Erinnerung.
Erinnern wird zum Akt des Widerstands. Schreiben errichtet ein Memorial des Erlebten:
Die Überreste dieser Liebe: dein Lachen,
deine Rebellion, an meiner Hand gehalten.
In North Park, einem der schärfsten Gedichte, zeigt sich der migrantische Traum in all seiner Komplexität:
Gefangen in naivem Stolz
rief ich frühere Dozenten an.
„Unmöglich!“, war ihre kalte Antwort.
Das Epische weicht einer stillen Würde, die mitten in der Schutzlosigkeit Bestand hat.
Gegen Ende des Weges formuliert der Dichter eine Ethik, die sein gesamtes Werk durchzieht:
Wir, in der Adelhaftigkeit geschmiedet,
suchen sie wieder auf, wenn auch unmöglich,
selbst wenn man uns zerbrochen sieht,
ja selbst tot.

Dieser Vers fasst eine radikale Auffassung von Liebe und Treue als Akte der Beharrlichkeit zusammen.
Soziale Anklage bricht mit Kraft in Texten hervor, die Korruption und Ungerechtigkeit verurteilen. Die Poesie wirkt als Gericht und Exorzismus, benennt klar und ruft das Bewusstsein auf. In diesem Buch gewinnt das Wort seine alte Funktion zurück: benennen, erinnern, wiederherstellen.
America von Nord nach Süd erhebt sich als notwendiges Werk in Zeiten sichtbarer und unsichtbarer Grenzen. Hier werden Brücken gebaut, wo andere Mauern errichten. Die im Lokalen verwurzelte und dem Universellen offene Poesie erinnert daran, dass hinter jeder Vertreibung eine Geschichte von Liebe, Verlust und Widerstand schlägt.
Dieses Buch zu lesen bedeutet einen Akt der Anerkennung: der geteilten Wunden, der Würde der Migrantinnen und Migranten, der erlösenden Kraft des Wortes. Hugo Noël Santander Ferreira singt, bezeugt und gibt — wie die alten Vates — der Sprache ihre Menschlichkeit zurück.
Leyla Margarita Tobías Buelvas
Sincelejo, 1. Januar 2026
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